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c't: Wie Foxconn in Tschechien für HP Menschen ausbeutet

erschienen in der Kategorie Alltag, am 26.09.2013
Schnatterente
Das taiwanesische Unternehmen Foxconn ist unlängst zum Sinnbild für die menschenunwürdigen Produktionsbedingungen geworden, die es uns ermöglichen, für wenig Geld Hardware und sonstige Technik zu kaufen.

Das Unternehmen produziert und montiert weltweit Elektronik-Artikel für nahezu alle namenhaften Hersteller. In der Vergangenheit wurde meist über die miserablen Arbeitsbedingungen in China berichtet. Dort mussten Studenten unfreiwillig iPhones für Apple zusammenschrauben, es gab Massenschlägereien unter den Mitarbeitern, Kinderarbeit und häufige Selbstmorde der Bediensteten, wogegen Foxconn ziemlich perfide Maßnahmen ergriff.

Foxconn in Tschechien: Ausbeutung mitten in der EU

Die vom Heise Zeitschriften Verlag veröffentlichte Computer-Fachzeitschrift c't befasst sich in der aktuellen Ausgabe (Heft 2013/21) erneut mit Foxconn. Dieses Mal geht es aber nicht um die Produktionsabläufe in China, sondern um Foxconns Fabriken in Tschechien. In Pardubice, circa drei Autobahnstunden von Dresden entfernt, produziert Foxconn PCs für HP. Für einen Hungerlohn bauen 4.500 Mitarbeiter Computer zusammen. Der Standort Tschechien ermöglicht es Foxconn, europäische Kunden innerhalb weniger Tage mit individuell konfigurierten Rechnern zu beliefern. Über den Seeweg von China würde dies sechs bis acht Wochen dauern.

Die benötigten Einzelteile werden natürlich dennoch in China gefertigt und von dort verschifft. Vom Hamburger Hafen aus gelangen Sie auf Lkws nach Tschechien, wo sie zu verkaufsfertigen Computern zusammengebaut werden.

Die Produktionsbedingungen sind miserabel. Die Mitarbeiter arbeiten an sechs Tagen in der Woche in Zwölfstundenschichten (auch nachts), unter extremem Leistungsdruck. Die Arbeit ist monoton. Ein Mitarbeiter installiert den ganzen Tag lang Mainboards, ein anderer baut Festplatten ein, welche von einem Dritten verkabelt werden. Ein siebenköpfiges Team soll es laut Vorgaben schaffen, in einer Stunde 53 Computer zusammenzubauen (ein Computer in 68 Sekunden).

Die Mitarbeiter dürfen sich dabei nicht unterhalten, sie dürfen nicht trinken, sich nicht hinsetzen und auch nicht an der Wand anlehnen. Ein Pseudo-"Bonussystem" soll sie motivieren, mehr Leistung zu bringen. Hierbei wird neben der Erfüllung der zu produzierenden Normstückzahl auch die Ordnung am Arbeitsplatz bewertet. Die Bewertung erfolgt aber nicht für jeden einzelnen Mitarbeiter, sondern für die ganze Gruppe. Da natürlich jedes Gruppenmitglied seinen Bonus haben möchte, entsteht unter den Arbeitern ein starker Druck. Wer nicht schnell genug arbeitet, wird von seinen Kollegen gezwungen, mehr Tempo zu machen. Folglich kommt es immer wieder vor, dass Mitarbeiter vor Erschöpfung am Arbeitsplatz zusammenbrechen.

In Summe, unter Berücksichtigung der üblichen Überstunden, verdient ein Foxconn-Mitarbeiter in Tschechien circa 14.000 Kronen (540 Euro) netto pro Monat, wovon 116 Euro durch die Bonusauszahlung zustande kommen. Es ergibt sich ein Stundenlohn von ungefähr 3,50 Euro.

Zum größten Teil handelt es sich bei den Mitarbeitern um Menschen aus Vietnam, aus der Mongolei, Bulgarien und Rumänien. Um ihren, in der Heimat verbliebenen, Familien das Überleben zu ermöglichen, sind diese Leute gezwungen, die schlechten Arbeitsbedingungen über sich ergehen zu lassen. Da sie zumeist kein Tschechisch sprechen, wissen Sie auch nichts über ihre Rechte und benötigen für Behördengänge einen Dolmetscher. Bei der tschechischen Hilfsorganisation "Most" (dt. "Brücke") wird ihnen so gut es geht geholfen. Der Verein wird vom Staat und von der EU finanziert.

Die Arbeiter müssen flexibel sein. Oft wird ihnen erst wenige Stunden vor Schichtbeginn per SMS mitgeteilt, ob sie arbeiten kommen sollen oder nicht. Die Arbeitsverträge sind zumeist befristet, wer nicht mehr gebraucht wird, muss Tschechien sofort wieder verlassen. Mitarbeiter aus Nicht-EU-Ländern müssen seit 2012 alle sechs Monate ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängern lassen, was sie jedes Mal 100 Euro kostet. Aus diesem Grund stellt Foxconn nun vorwiegend Mitarbeiter aus Bulgarien und Rumänien ein.

Zwar gibt es eine Gewerkschaft, doch die meisten Mitarbeiter wissen davon nichts. Manche kennen das Logo, doch was sich dahinter verbirgt, ist ihnen unklar. 1.200 der 4.500 Angestellten arbeiten nicht für Foxconn selbst, sondern für Subunternehmer, die einzelne Produktionslinien innerhalb der Fabrik gemietet haben. Auf diese hat die Gewerkschaft keinen Einfluss und die Arbeitsbedingungen sind noch schlechter als bei Foxconn selbst. Die Löhne sinken und man bedient sich illegaler Maßnahmen:

"Oft stimmten die Arbeitszeiten nicht mit dem überein, was auf der Lohnsteuerkarte stand, damit die Agentur weniger Steuern zahlt. [...] Schwangere standen ohne Mutterschutz da. [...] Eine weitere habe Krankenversichungskarten gefälscht."


Wer sich üb die Arbeitsbedingungen beschwert, wird entlassen. Den Mitarbeitern wird auch gedroht, wenn sie sich an die Presse wenden wollen. Im Jahr 2010 taten dies dennoch einige Mitarbeiter, die zuvor entlassen wurden. Infolgedessen schaltete sich ein tschechischer Foxconn-Manager ein, der dafür sorgte, dass alle Arbeiter der betreffenden Agentur sozialversichert wurden und dass einige der entlassenen Kräfte wieder im Werk arbeiten durften. Kurz darauf verließ der betreffende Manager den Konzern - vermutlich unfreiwillig.

Die c't kommt zum folgenden Fazit:

"Der Zusammenbau eines typischen Desktop-PC kostet nur fünf bis zehn Euro. Für spürbar bessere Arbeitsbedingungen müsste man also nur ein paar Euro drauflegen. Trotzdem ist der Gedanke naiv: HP steht im schrumpfenden PC-Markt mit dem Rücken zur Wand, Foxconn operiert mit Gewinnmarschen von zwei bis drei Prozent. Die meisten Verbraucher achten vor allem auf den Preis. Und diejenigen, die eine Alternative suchen, finden keine."

Die Verantwortung des Konsumenten

Ein sehr gelungenes Fazit. Ich kann nur empfehlen, den Artikel im Ganzen zu lesen. Die c't verweist auch auf die 3-SAT-Dokumentation "Behind the Screen" - leider habe ich davon nur einen Trailer bei YouTube gefunden:



Es ist an der Zeit, dass wir Verbraucher anfangen, uns mehr Gedanken über die Elektronik-Artikel zu machen, die die meisten von uns einfach kaufen, ohne ihre Herkunft zu hinterfragen. Wenn es um Lebensmittel geht, greifen immer mehr Menschen zu Bio-Produkten, um sich selbst und der Welt einen Gefallen zu tun. Wer sich einen Computer oder ein Smartphone kauft, fragt meist nur nach der Leistung und dem Preis. Projekte wie das Fairphone sollte man unterstützen und sie zum öffentlichen Thema machen. Je mehr Leute sich Gedanken darüber machen, woher die Sachen kommen, desto eher findet ein Umdenken statt. Wenn große Konzerne erkennen, dass es eine wachsende Nachfrage nach nachhaltig und fair produzierten Produkten gibt, wird auch ein größerer Markt für diese Artikel entstehen.

Hoffentlich.

Geschnatter

1 Kommentar, selbst mitschnattern << < Seite 1/1 > >>
mitcox, am 24.11.2013 um 01:38 Uhr
der gesamte Film ist auch hier:

http://www.youtube.com/watch?v=3VdQcM9u7vI

danke für den Beitrag!