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Facebook: Hunde raus aus Deutschland

erschienen in der Kategorie Alltag, am 07.07.2015
Schnatterente
Was darf Satire? Diese Frage ist vermutlich so alt, wie der Humor selbst. Aber seit es das World Wide Web und insbesondere soziale Netzwerke wie Facebook gibt, ist sie wieder aktueller denn je. Das Internet erlaubt es anonym und ungesehen Grenzen zu überschreiten, Tabus zu brechen und folglich auch ungestraft die Gefühle anderer Menschen zu verletzen.

Ich will dazu mal ein Beispiel bringen, bei dem ich mich kürzlich gefragt habe, ob diese Form des Humors nicht doch schon ein Stück zu weit geht. (Nicht weil es mich selbst entsetzt, sondern weil ich den Eindruck habe, dass es viele Leute einfach nicht verstehen und einordnen können.)

Facebook: "Hunde raus aus Deutschland" Ich stieß bei Facebook zufällig auf einen Beitrag, der darauf abzielte, dass man alle Hunde in Deutschland "ausrotten" sollte. Ich war davon ziemlich schockiert, auch weil ich einige Tage zuvor erst in einer Zeitung gelesen hatte, dass es in deutschen Großstädten wohl immer mehr Menschen gibt, die sich offenbar so extrem von den Hunden anderer Leute gestört fühlen, dass sie vergiftete oder mit scharfen Gegenständen versehene Köder in Parks und an anderen öffentlichen Orten auslegen, um Hunde zu verletzten oder gar zu töten.

Dies im Hinterkopf, war mein erster Gedanke, dass ich auf eine Facebook-Seite gestoßen sein könnte, auf der sich derartig gestörte Individuen organisieren. Die über 19.000 "Gefällt mir"-Angaben ließen mich aber hoffen, dass dem nicht so sein kann.
In den Kommentaren reagierten viele Leute sehr empört. Andere, auch die Seitenbetreiber selbst, konterten darauf mit Spott und wüsten Beschimpfungen gegen Hunde und deren Halter. Einige Beiträge ließen aber vermuten, dass hier mehr als blanker Hass und Dummheit dahinter stecken musste. Es lag eine Menge Zynismus in der Luft, welcher aber von vielen Leuten nicht verstanden wurde und so zu noch mehr Anfeindungen führte. (Man kennt das ja ... "Don't feed the troll!" ...)
Von der Facebook-Seite "Hunde raus aus Deutschland" veröffentlichte Bilder(Von der besagten Facebook-Seite veröffentlichte Grafiken.)


Ich klickte schließlich weiter zum nächsten Posting der Seite und wurde mit einer Grafik konfrontiert, die in großen Lettern forderte: "Hunde vergasen". Nachdem ich kurz schlucken musste, fiel mir auf, dass man bei diesem Bild das Design eines NPD-Wahlplakats kopiert hatte. Als ich mir noch ein paar weitere Beiträge und das Profilbild der Seite - das Logo der RAF, jedoch versehen mit den Buchstaben "HRAD", für "Hunde raus aus Deutschland" - angesehen hatte, wurde mir endgültig klar, worum es auf dieser Seite wirklich geht.

Es geht nicht um Hunde

Es geht nicht um Hunde. Es handelt sich um Satire. Die Facebook-Seite parodiert rechtes Gedankengut jeglicher Form, sei es Material aus NS-Zeiten, von "PEGIDA" oder von Parteien wie der NPD oder AfD. Kern der Idee ist es dabei, den Hund als Hassfigur in den Mittelpunkt zu stellen, so wie es einst die NSDAP mit Juden machte und wie es viele rechte Strömungen heute mit Ausländern und Asylsuchenden praktizieren.
Da aber bei manchen Beiträgen wohl erst beim zweiten, dritten oder vierten Hingucken deutlich wird, worum es den Autoren wirklich geht, ruft die Seite den Zorn vieler Tierfreunde auf den Plan.
Andre mag Hunde offensichtlich lieber als Zuwanderer

Ilona wird aggressiv, weil sie es ebenfalls nicht versteht.

Und viele andere sind ebenfalls fassungslos.

Manchmal geht das Konzept aber auch "richtig gut" auf und die Reaktion kommt sozusagen direkt von der "Zielgruppe":
Andre mag Hunde offensichtlich lieber als Zuwanderer

Marina sieht das ähnlich
Ein klein wenig erinnert diese Form der Rechts-Parodie an die schon seit vielen Jahren existente "Front Deutscher Äpfel", die sich selbst als eine "Nationale Initiative gegen die Überfremdung des deutschen Obstbestandes" bezeichnet.
Was sich aber von der Apfelfront stark unterscheidet, ist das Ausmaß, dass die Beiträge auf der Facebook-Seite annehmen. Die Bilder und Texte sind zum Teil wirklich sehr harte Kost (vor allem einige ältere Beiträge).
Wenn man einmal verstanden hat, worum es den Seitenbetreibern geht, regt diese Form der Sozialkritik zwar sicherlich zum Nachdenken an - aber an diesen Punkt muss man erst einmal kommen. Liest man die Kommentargefechte unter ein paar Beiträgen der Seite, gewinnt man den Eindruck, dass es viele Leute gibt, die dem Ganzen nicht gewachsen sind, sei es, weil sie sich nicht lang genug mit dem Thema und der Seite beschäftigen oder weil ihre kognitiven Fähigkeiten nicht ausreichen, um weit genug um die Ecke zu denken. Diese Personen verstehen die Zusammenhänge nicht und sehen sich mit einem Haufen hundehassender Tierquäler konfrontiert. Und während es sie empört, kränkt und verletzt, lachen andere über ihre Reaktionen. Ist das fair?

Natürlich ist das ein generelles Problem in sozialen Medien. Wenn man sich die orthografischen und grammatikalischen Fähigkeiten einiger Nutzer ansieht, beginnt man schnell zu verstehen, dass diese wahrscheinlich schon daran scheitern, einen Satz zu verstehen, in dem ein Komma enthalten ist. Folglich ist es wenig verwunderlich, dass Zusammenhänge nicht verstanden und Satirebeiträge für bare Münze genommen werden. Man muss ja nur mal beobachten, wie viele Leute die Beiträge des Postillon für glaubhaft halten.
Manche Menschen haben mit Ironie und Sarkasmus eben so ihre Schwierigkeiten, vor allem dann, wenn sie es nur mit Schrift und Bildern zu tun haben und ihnen niemand gegenübersitzt, der durch sein Grinsen verrät, was Sache ist.

Dieser Umstand sollte am Ende sicher nicht dazu führen, dass es keine Satire mehr gibt. Was aber generell, und insbesondere bei sensiblen Themen, nicht schaden kann, ist ein an geeigneter Stelle platzierter Hinweis darauf, dass es sich bei der Satire um Satire handelt. Diesen findet man auch auf der Seite des Postillon, auf der genannten Facebook-Seite hingegen nicht.
Vielleicht spielt da auch die Freude am Trollen mit? Falls dem so ist, darf man sich am Ende aber auch nicht wundern, wenn unter den 19.000 Likes auch ein paar Querköpfe sind, die tatsächlich Hunde hassen.

Ob das Alles in dieser Form (noch) witzig ist oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Geschnatter

8 Kommentare, selbst mitschnattern << < Seite 1/2 > >>
Anonym, am 07.07.2015 um 00:44 Uhr
Bisschen perfide. Aber wo ist da ein RAF-Logo?
Antwort: Das Logo wurde inzwischen ersetzt. Als ich drauf war, hatten sie gerade dieses.
Thomas, am 07.07.2015 um 08:10 Uhr
Ha, schmunzelnswerter Artikel aus dem Facebookalltag würd ich sagen. Eigentlich ist es beschämend, dass sich die Leute mit Hirn immer auf Kosten der Leute ohne amüsieren.
EJB, am 07.07.2015 um 09:31 Uhr
Geschmacklos, nicht lustig.
Petra, am 07.07.2015 um 12:52 Uhr
Du bist nicht der einzige der das kritisch sieht
http://www.nordbayern.de/ressorts/schlagzeilen/hunde-raus-aus-deutschland-satire-funktioniert-im-internet-nicht-1.3961264
Petra, am 07.07.2015 um 12:55 Uhr
ach und dazu auch noch passend
https://www.change.org/p/bundestag-hunde-raus-aus-deutschland-3
Anonym, am 07.07.2015 um 20:59 Uhr
"Was darf Satire?"
Satire darf alles, sieht man ja hier eindrucksvoll. Die Frage ist, sollte Satire auch alles (tun)?
Chris L, am 11.07.2015 um 21:22 Uhr
Naja, wer Aussagen, wie "Drogenspürhunde klauen uns Drogenspürmenschen unsere Jobs" und "Hunde wollen unsere Sprache nicht sprechen" ernst nimmt, bei dem hilft wohl auch keine Satirekennzeichnung mehr. Außerdem glaube ich, dass die Betreiber bewusst provozieren, damit sie den "Alltagsrassismus" dieser "Tierschützer" demonstrieren können und ihnen so den Spiegel vorhalten können. Und was eignet sich dafür besser, als der "beste Freund des Menschen"? Tierschutz wurde ja damals bei den Nazis schon groß geschrieben. Zudem gehört Tierschutz zu einem der Hauptpunkte eines Wahlprogrammes vieler rechter Parteien.