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Gamification: wie China die Bevölkerung zum Gehorsam zwingt

erschienen in der Kategorie Alltag, am 10.01.2016
Schnatterente
Aus Wikipedia: "Als Gamification (von englisch „game“ für „Spiel“) [...] bezeichnet man die Anwendung spieltypischer Elemente und Prozesse in einem spielfremden Kontext. Zu diesen spieltypischen Elementen gehören unter anderem Erfahrungspunkte, Highscores, Fortschrittsbalken, Ranglisten, virtuelle Güter oder Auszeichnungen. Durch die Integration dieser spielerischen Elemente soll im Wesentlichen eine Motivationssteigerung der Personen erreicht werden, die ansonsten wenig herausfordernde, als zu monoton empfundene oder zu komplexe Aufgaben erfüllen müssen."

Die Idee, den Menschen mit Bewertungssystemen und kleinen Zeichen der Anerkennung zu anhaltender oder gar steigender Leistung zu motivieren, ist nicht neu. Das Notensystem in der Schule funktioniert so, in vielen US-amerikanischen Unternehmen kann man bei entsprechender Leistung zum "Mitarbeiter des Monats" gekürt werden und beim Militär bekommt man Orden, wenn man ganz sehr tapfer war. Doch mit dem Aufkommen von Computerspielen wurde dieses System erst perfektioniert. Games wie "World of Warcraft" haben sehr eindrucksvoll bewiesen, dass die Spieler bereit sind, unglaublich viel Zeit (und auch Geld) zu investieren, um sich in rein virtuellen Umgebungen immer weiter hochzuarbeiten. Kleine, real nicht einmal existierende Anreize und Motivationsschübe reichen offenbar aus, um Menschen weiter anzutreiben.
Gamification beschreibt die Idee, diesen Effekt auf "spielfremde Kontexte" zu übertragen. Das klingt im ersten Moment harmlos, doch wenn der spielfremde Kontext die echte Welt ist, kann dies ziemlich perfide und auch für die Gesellschaft schädliche Züge annehmen.

China: Sesame Credits

China demonstriert sehr eindrucksvoll, wohin ein solches System führen kann. Die Regierung hat sich kürzlich mit acht chinesischen Anbietern sozialer Netzwerke und dem weltweit größten Online-Händler "Alibaba" darauf geeinigt, ein Bewertungssystem für die Vertrauenswürdigkeit chinesischer Bürger einzuführen.
Das entstandene System der "Sesame Credits" untersucht das Online-Verhalten der Chinesen und ordnet jedem einzelnen von ihnen Punkte zu. So lassen sich "gute" Bürger leicht von "schlechten" Bürgern unterscheiden. Einen guten Bürger erkennt man daran, dass er Links zu offiziellen Regierungsinformationen weiterverbreitet, in China produzierte Waren kauft und regelmäßig äußert, wie toll es doch in China ist. Für diese Handlungen werden seinem Score Punkte gutgeschrieben.
Wer hingegen die chinesische Regierung kritisiert, Waren aus dem Ausland importiert oder Links verbreitet, die der Regierung nicht gefallen, der verliert Punkte.

Und als wäre das noch nicht perfide genug, hängt der eigene Score auch noch von dem Score der Leute ab, mit denen man kommuniziert. Hat man also einen Freundeskreis, der sich aus vielen Regimekritikern zusammensetzt, so hat man ziemlich schlechte Karten. Folglich hat auch jede Aktion, die man selbst im Internet durchführt, sei es ein Einkauf oder das Verbreiten eines Links, direkten Einfluss auf die Bewertungen der eigenen Freunde in den sozialen Netzen.
Dies hat zur Folge, dass Nutzer, die gern einen guten Score erreichen wollen, schnell den Kontakt zu Regimekritikern abbrechen werden. Diese werden dadurch wiederum isoliert und es entsteht (auch online) eine Zweiklassengesellschaft.

Was bringen einem die Sesame Credits?

Wer sich viele Credits erarbeitet hat, der profitiert von diversen Vorteilen. So kann es zum Beispiel sein, dass ein Urlaubsantrag schneller oder überhaupt erst bewilligt wird, wenn man bewiesen hat, dass man ein guter Chinese ist.
Bestrafungen sieht das System aktuell noch nicht vor. Im Jahr 2020 wird es aber verpflichtend und dann ist durchaus denkbar, dass Nutzer mit einem niedrigen Score für ihr Verhalten bestraft werden. So könnte es sein, dass ihnen die Internetbandbreite gedrosselt wird oder dass bestimmte Jobs nur noch für Chinesen zugänglich sind, die einen gewissen Score erreicht haben.

Die Folgen der Sesame Credits

China macht mit der Einführung dieses Bewertungssystems das gesellschaftliche Zusammenleben zu einem Online-Spiel. Üblerweise hat dieses Spiel aber Auswirkungen in der realen Welt. Wer Vorteile haben möchte, der muss sich uniform und regimetreu verhalten. Wer aufmüpfig wird, dem drohen Strafen und die soziale Ausgrenzung.
Aus Sicht der Regierung ist das eine echt tolle Sache. Sozialer Druck eignet sich hervorragend als Erziehungsmethode. Er entsteht ganz automatisch und das Betreiben des Systems ist zudem vergleichsweise preiswert.
Für die Bevölkerung bedeutet das, dass die Meinungsfreiheit weiter eingeschränkt wird. Wer aus der Reihe tanzt, wird es damit zukünftig noch viel schwerer haben als heute schon.




(Ich glaube, wer diesen Beitrag in China teilt, verliert Punkte.)

Geschnatter

1 Kommentar, selbst mitschnattern << < Seite 1/1 > >>
John Galt, am 24.01.2016 um 14:01 Uhr
Grausig! Das erinnert mich an den Roman "Score" von Martin Burckhardt. Sehr lesens- oder hörenswert, auf Youtube dauert das Hörbuch 12 Std.