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Ich war Rummel, du gehst Party

erschienen in der Kategorie Alltag, am 23.08.2012
Zu Beginn dieses Beitrags sei erst einmal eines festgestellt: die Deutsche Bahn wirbt mit einer Realität des gemütlich schönen Zugfahrens, die es so nicht gibt. Zugfahren ist geprägt von Verspätungen, kaputten Klimaanlagen, stickigen Abteilen, unangenehmen Gerüchen, widerlich zugeschissenen Toiletten und, eigentlich Allem voran, seltsamen, teils nervigen oder gar unerträglichen Fahrgästen.

Letztere sind das größte Problem, denn ihnen kann man sich am wenigsten entziehen. Zwar sucht man sich nach dem Einsteigen das sitzplatzmäßig kleinste Übel, doch dieser Frieden kann bereits an der nächsten Haltestelle vorbei sein.

Und so begab es sich kürzlich, dass ich es mir mal wieder in der S-Bahn gemütlich gemacht hatte, das Netbook auf dem Schoß und 45 Minuten Fahrzeit vor mir, in denen man ein paar kleinere Bugs in dieser und jener Software hätte fixen können. Doch schon nach drei Minuten Fahrt kam SIE ins Abteil und sorgte dafür, dass der vorherige Satz im Konjunktiv enden muss.

Mandy, ich habe keine Ahnung ob sie wirklich Mandy hieß, aber sie sah aus wie eine Mandy, gehörte zu der Gruppe von Heranwachsenden, denen man offenbar das Mobiltelefon direkt in die Hand implantiert hat. Der akustische Terrorismus begann stilecht mit viel zu lauten Kopfhörern und einer Form von Musik, bei der sich ein MP3-Player mit Charakter eigentlich weigern sollte, sie zu spielen. Dennoch war ich zu diesem Zeitpunkt noch recht froh darüber, dass die frisch gestrichene junge Dame überhaupt Kopfhörer verwendete, denn heutzutage herrscht in öffentlichen Verkehrsmitteln ja öfters mal eine Form von Sozialismus, die da heißt: Ich hör jetzt ganz laut meine Sch**ßmucke und ihr dürft alle gratis mithören! (Wo ist die GEMA, wenn man sie mal braucht?)

Das Programm ging weiter mit einem kleinen SMS-Marathon, bei dem Mandy mit einem durchaus schwer erträglichen Klingelton erneut überzeugte. Irgendwann wurden die Finger dann aber müde und so entschied sich Mandy den Kevin einfach anzurufen.

Damit war die Fahrt dann endgültig gelaufen. Erst durfte ich mir 20 Minuten lang wildes Beziehungsgewäsch anhören, über eine Gruppe von Jugendlichen in der offenbar jeder mal auf jeden raufklettert, ungeachtet der Tatsache wer grad mit wem zusammen ist. Danach ging es weiter mit einer Diskussion über den vorherigen Abend und der Planung des folgenden. "Ich war Rummel" erklärte Mandy dem Kevin am Telefon und erzählte darauf hin die Geschichte eines weiteren jungen Herren, für den mir grad kein passender Name einfällt. Dieser war am Vorabend auch Rummel und hat dort offenbar so viel gesoffen, dass er, im Angesicht seiner Freundin, mit seiner Exfreundin nach Hause gehen wollte, weil er vergessen hatte mit wem er jetzt zusammen war. Ganz blöde Sache so was, das richtige Foto im Portemonnaie hätte sicher geholfen.

Als ich den Zug verließ kommentierte Mandy gerade Kevins Aussage bezüglich der Abendplanung mit den Worten: "Ich wusste gar nicht, dass du Party gehst!". Ich vergoss innerlich eine weitere Träne für die deutsche Sprache. Einige Tage später stand ich vor einer Pfennigpfeiffer-Filliale und bekam die Anwort auf die nicht gestellte Frage, wie so etwas passieren kann:
Wir sind Schule


"Wir sind Schule." Ja klar, und ich bin Deutschland.
Liebe Werbeindustrie, gebt den Mandys von Morgen bitte eine Chance und hört mit dieser Sch**ße auf!


Damit endet dieser Beitrag mit dem, womit er angefangen hat, der Kritik an Werbung. Was aus Mandy und Kevin geworden ist und ob sie noch Party oder Rummel waren, werden wir wohl nie erfahren.

Geschnatter

4 Kommentare, selbst mitschnattern << < Seite 1/1 > >>
Anonym, am 23.08.2012 um 13:55 Uhr
Super Beitrag. Sie sind zu zeitig ausgestiegen, hätte gern mehr von Mandy und Kevin gehört.
jan, am 24.08.2012 um 14:53 Uhr
hätten wir wohl alle gern, aber ich glaub er hatte's satt :D
Zugfahren, am 26.08.2012 um 00:28 Uhr
Ich fahr eigentlich ganz gern mit der Bahn. Hab aber auch immer Kopfhörer drinnen, so dass ich von den Mandys dieser Welt nicht allzu viel mitbekomme. Hat aber den nervigen Seiteneffekt, dass man jedes mal erschrickt, wenn der Fahrkartentyp vor einem steht und man häufig auch die Durchsagen nicht mitbekommt. Saß mal 20 Minuten in einem leeren, stehenden Zug, ohne vom Laptop aufzublicken, weil ich die Ansage nicht gehört hab, dass Schienenersatzverkehr ab dem Bahnhof ist...

Kopfhörer schützen also vor Mandys, aber bringen neue Probleme mit sich. ;)
Anonym, am 01.11.2012 um 19:42 Uhr
Ich lach Tränen!