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Welche Chat-Software ist die Beste?

erschienen in der Kategorie Software, am 19.05.2014
Schnatterente
Ich werde immer mal wieder mit der Frage konfrontiert, welche Chat-Software denn die Beste ist. MSN, ICQ und Skype sind mehr oder weniger tot oder stellen selbst die Windows-Anwender nicht mehr wirklich zufrieden. Manche Nutzer haben auch im Zusammenhang mit den NSA-Enthüllungen Angst bekommen, dass irgendjemand alles mitliest, und suchen nun nach einer sichereren Alternative.

Natürlich versucht man bei so einer Gelegenheit, den Fragenden ein bisschen von der dunklen Seite der Macht wegzuzerren und ihm Open-Source-Alternativen aufzuzeigen.

In der Regel schlage ich dann vor, Pidgin mit dem XMPP-Protokoll (Jabber) sowie OTR-Verschlüsselung zu verwenden.

Pidgin: ein kostenloses Chat-Programm für viele Protokolle

Der Instant-Messenger Pidgin, verfügbar für Windows, Linux und Mac OS, bietet den Vorteil, dass er sehr viele Chat-Protokolle unterstützt (u.a. Google Talk, ICQ, IRC, MSN, Yahoo). Dies gibt dem Nutzer die Möglichkeit, ICQ und Co. auch bei der Verwendung von Jabber nicht gänzlich vom Rechner zu verbannen. Man kann seine alten Kontakte also auch weiterhin pflegen, während man nach und nach seine Jabber-Kontaktliste ausbaut und seine Freunde dazu überredet, auch auf Jabber umzusteigen.

Übrigens bietet sich ein Wechsel zu Pidgin auch für Leute an, die beim gleichen Chat-Protokoll bleiben wollen, aber mit der bisherigen Software unglücklich sind. Der Original-ICQ-Client für Windows ist beispielsweise nicht gerade ressourcenschonend und stand in der Vergangenheit oft in der Kritik, weil er zur Verbreitung von Viren missbraucht werden konnte. Pidgin ist sicherer, werbefrei und frisst weniger Speicher und Rechenleistung.

Jabber (XMPP)

Erzählt man unbedarften Anwendern von Jabber, reagieren Viele erst einmal skeptisch. Sie haben keine Lust sich wieder irgendwo einen Account anlegen zu müssen und ihre Daten einer weiteren Firma in den Rachen zu werfen. Wunderbarerweise muss man das in den meisten Fällen aber auch gar nicht, denn die meisten Leute hierzulande haben einen E-Mail-Account bei irgendeinem großen Mail-Anbieter. Und somit haben sie, ohne jemals etwas davon gehört zu haben, auch schon längst einen Jabber-Account. Denn was viele nicht wissen: GMX, Web.de, Google und viele andere Mail-Provider unterstützen das XMPP-Protokoll. (SIEHE UPDATE) Sogar der Facebook-Chat ist zu XMPP-kompatibel und kann in Pidgin eingebunden werden.

Wer bei einem Mail-Provider Kunde ist, der Jabber nicht unterstützt, kann sich beispielsweise einen Account auf dem Jabber-Server des Chaos Computer Clubs erstellen. Der Hacker-Verein legt großen Wert auf Datenschutz und kennt sich mit der Technik vermutlich besser aus, als mancher Hosting-Anbieter. (Weitere XMPP-Server findet man hier.)

Jabber in Pidgin einrichten

Hat man also einen Jabber-Account, braucht man nichts weiter tun, als sich Pidgin herunterzuladen und den Account einrichten. Dazu fügt man im Pidgin-Menü unter "Konten" ein neues XMPP-Konto hinzu.

Ist man beispielsweise Kunde bei GMX und will seinen Mail-Account (max.mustermann@gmx.de) zum Chatten verwenden, gibt man als Benutzer max.mustermann und als Domain gmx.de an. Im Passwortfeld trägt man sein GMX-Passwort ein. Als lokalen Alias kann man einen beliebigen Namen vergeben, zum Beispiel Max.

Danach kann man seine Kontakte hinzufügen und mit diesen chatten. Dies setzt natürlich voraus, dass diese auch Jabber verwenden - mit welcher Software ist dabei erst einmal egal.

Wer gern über Facebook chatten will, ohne die Seite permanent offen zu haben, findet hier die nötigen Informationen zur Einrichtung des eigenen Facebook-Accounts in Pidgin.

Sicher und verschlüsselt chatten

Wer sich ein bisschen mit der Materie auskennt, wird an diesem Artikel vielleicht anprangern, dass ich vorschlage, man solle über den Server eines großen Mailanbieters chatten. Das XMPP-Protokoll ist für eine dezentrale Server-Architektur entwickelt wurden. Das heißt es gibt nicht einen großen Chat-Server, über den alle Nachrichten laufen (so ist das bei den meisten kommerziellen Chat-Systemen), sondern beliebig viele Server mit beliebig vielen Chat-Nutzern.

Es ist gewissermaßen ein Ziel des Systems, Monopole zu vermeiden. Außerdem sorgt die Verteilung der Nutzer und des Netzwerks für ein höheres Maß an Ausfall- und Datensicherheit. Je mehr Nutzer auf dem gleichen Server angemeldet sind, desto mehr Daten können dort theoretisch gesammelt und auch erbeutet werden. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, wäre es wohl am besten, wenn jeder Jabber-Nutzer einfach seinen eigenen Server betreiben würde (was praktisch natürlich umsetzbar ist, aber ein bisschen Wissen voraussetzt).

Doch nicht jeder Anwender ist ein Linux-Freak und zu so etwas in der Lage. Manche Dinge funktionieren nur gut, wenn man sie möglichst einfach hält. Ansonsten sind die Hürden zu hoch und man versucht gar nicht erst sie zu benutzen. Aus diesem Grund empfehle ich Einsteigern dann eben doch, zu einem größeren Anbieter zu gehen.

Außerdem gibt es ja Mittel und Wege, die eigene Kommunikation vor den Augen neugieriger Dritter zu schützen. Das Stichwort heißt hier Verschlüsselung.

Für den Pidgin-Messenger gibt es ein Verschlüsselungs-Plug-in namens "OTR" (Off-the-Record Messaging). Lädt man sich diese Erweiterung herunter und installiert sie, kann man sich verschlüsselt via Jabber unterhalten (natürlich muss der Kommunikationspartner auch das OTR-Plug-in benutzen). Es spielt dann keine große Rolle mehr, ob man über den Server von Google, Facebook oder GMX kommuniziert, denn die Firmen können mit den Kommunikationsinhalten ohnehin nicht viel anfangen (von den Metadaten abgesehen).

Weitere Vorteile von Jabber

Wer Jabber zum Chatten einsetzt, ist unabhängig, denn XMPP ist ein offenes Protokoll, das von einer Community und nicht von irgendeiner Firma entwickelt wird. Es gibt unzählige Chat-Anwendungen, für alle möglichen Betriebssysteme, die das Protokoll unterstützen.

Wer Jabber verwendet, unterwirft sich nicht den AGBs und der Willkür großer Konzerne. Oft steht in den Geschäftsbedingungen einer Chat-Software, dass der Betreiber die Rechte an allen übertragenen Inhalten hat und damit tun und lassen kann, was er will.

Letztes Jahr hat Microsoft Skype gekauft und MSN, bzw. den Windows Live Messenger eingestampft. Viele Millionen Nutzer des Dienstes waren davon betroffen und konnten nicht mehr wie gewohnt chatten.

Derartigen Problemen kann man aus dem Weg gehen, indem man Jabber verwendet.

Alternativen zu Pidgin

Ich habe in diesem Artikel empfohlen, die Chat-Software Pidgin zu verwenden, weil diese für viele Betriebssysteme verfügbar und leicht zu bedienen ist. Es sei aber an dieser Stelle noch ausdrücklich erwähnt, dass es noch viele andere vergleichbare Programme gibt. Eine Liste von XMPP-fähigen Programmen gibt es hier.


Update 01.02.2015: Leider haben sowohl Google als auch die Mailprovider der United Internet AG (u.a. GMX, Web.de, 1&1) ihre Jabber-Server abgeschaltet. Das heißt aber nicht, dass man Jabber nicht mehr verwenden kann. Hier gibt es eine Liste von Jabber-Servern, auf denen man sich anmelden kann.

Geschnatter

8 Kommentare, selbst mitschnattern << < Seite 1/2 > >>
Stefan, am 19.05.2014 um 17:09 Uhr
vielen Dank für den Beitrag. Eine Anregung hätte ich noch. XMPP ist ist ein Netzwerk von Jabber-Servern und im Zuge der Dezentralisierungsdebatte, sollte man nicht unbedingt immer zuerst den ccc-Jabber zwecks Registrierung, sondern die Liste der öffentlichen Server angeben: https://xmpp.net/directory.php
Antwort: Danke dir, hab den Link oben noch mit untergebracht.
tux., am 19.05.2014 um 20:16 Uhr
Miranda.
Anton, am 19.05.2014 um 20:36 Uhr
Miranda ist aber Windows-only, oder?
tux., am 19.05.2014 um 20:42 Uhr
@Anton Ja. Und? Nutzt hier ernsthaft wer Linux?
Anton, am 19.05.2014 um 22:54 Uhr
Viele. Ich zum Beispiel, aber der Eintrag richtet sich wohl auch eher an Windoof-DAUs.
stormde, am 20.05.2014 um 09:37 Uhr
Habe jetzt selbst als windof User viele multimesseneger durch, nach Pidgin (früher Gaim genannt ) zu Digsby zu Trillian , und Trillian ist hier definitv der schönste client. alle haben ihre vor und nachteile, das schöne an Pidgin das man Ihn mit vielen Plugins erweitern kann, aber mir gings damals aufm sack das viele sachen rumgebuggt haben wenn sich das gebessert hat, dan glaube ich werde ich disen wieder nutzen, zumindest unter Linux.

guter beitrag!
edik, am 24.05.2014 um 02:11 Uhr
Was Pidgin angeht: http://barfoos.blogsport.de/2014/05/21/nie-wieder-libpurple/