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Die Entwicklung der Technik

erschienen in der Kategorie Technik, am 19.02.2016
Schnatterente
Seit ich das Computerspielen vor circa zehn Jahren nahezu komplett aufgegeben habe, beschäftige ich mich nur noch selten mit Hardware. Zwar erwartet man von einem Informatiker wohl eher, dass er immer den neusten und besten Kram hat, doch ich ticke da irgendwie anders. Ich informiere mich vor der Anschaffung eines Gerätes oft sehr genau und gebe dann beim Kauf lieber ein paar Euro mehr aus, wobei ich letzten Endes nie High-End-Hardware kaufe, sondern eher gut verarbeitete Mittelklasseprodukte, von denen ich glaube, dass sie lange halten.

So ist mein Laptop (Intel Core i5 Mobile der ersten Generation, 8 GB RAM, 256 GB SSD, Gentoo Linux) inzwischen sechs Jahre alt, und mein Smartphone habe ich vor einem Jahr gebraucht gekauft, da hatte es auch schon über zwei Jahre auf dem Buckel.
Solange die Geräte funktionieren und die Leistung halbwegs für das ausreicht, was ich gern damit machen möchte, denke ich meist gar nicht darüber nach, mir etwas Neues anzuschaffen. Da ich sehr pfleglich mit der Technik umgehe, läuft sie meist so lange, bis sie irgendwann von allein die Füße hochlegt. Und manchmal packt mich selbst dann noch der Ehrgeiz und ich fange an, die defekten Kondensatoren herauszulöten und auszutauschen.

Dieses, nennen wir es mal ansatzweise ökologische Einkaufsverhalten in Sachen Hardware, hat einen Seiteneffekt. Nämlich den, dass ich oft den Überblick darüber verliere, was gerade so angesagt ist. Und wenn ich mich dann doch mal wieder damit beschäftige, fällt mir fast die Kinnlade runter.
So hat mir ein Freund kürzlich erzählt, dass er damit liebäugelt, sich das neue Samsung Galaxy S7 Smartphone zu kaufen, welches erst am 20. Februar vorgestellt wird. Das 5"-große Geräte wird wohl ein Display mit einer Auflösung von 2.560 × 1.440 haben, sowie einen Quadcore-Prozessor mit 2,3 GHz, 4 GB Arbeitsspeicher, zwei Kameras mit je 5 und 12 Megapixel Auflösung, je nach Ausführung bis zu 128 GB Speicher, und der ist dann noch mittels Micro-SD-Karte um weitere 200 GB erweiterbar.

Na, holla, die Waldfee, das sind Zahlen!
Als ich vor etwas weniger als 20 Jahren das erste Mal vor einem Computer saß, war das ein Commodore Amiga 500+. Der hatte einen Prozessor mit 7 MHz Taktfrequenz, 1 MB Arbeitsspeicher und eine Auflösung von 640 × 256 Pixeln (bei 6 Bit Farbtiefe). Mit dem Gerät konnte man spielen, aber auch Texte schreiben und diese auf dem Nadeldrucker ausdrucken.
Texte schreiben und ausdrucken? – Das ist doch im Grunde genommen genau das, was zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung noch heute tagtäglich machen? Seltsam, dass kaum noch Amigas im Einsatz sind. ;-)

Danach folgten ein 286er, ein 486er und schließlich (der große Durchbruch!) ein Pentium mit 233 MHz und MMX-Befehlssatzerweiterung. Den nächsten richtig großen Sprung machte ich dann mit meinem ersten wirklich eigens und neu gekauften PC. Da war ein AMD Athlon 3200+ mit 1,6 GHz an Board, ich war im 64-Bit-Zeitalter angekommen. Das alles passierte innerhalb von zehn Jahren. Zu dieser Zeit machte man noch Fotos mit seiner Zwei- oder Drei-Megapixel-Digitalkamera, hatte einen MP3-Player mit 64 bis 256 MB Speicher und benutzte sein Mobiltelefone nur für SMS und Telefonie.

Und heute? Heute tragen wir unfassbar kleine Rechenwerke in unseren Hosentaschen herum, die all diese Funktionen vereinen und sie noch viel besser und schneller bewältigen als die vielen einzelnen Geräte früher. Es gibt 5-Zoll-Displays, deren Auflösung weit über Full-HD hinaus geht und Handykameras, die zwar noch nicht an die Qualität einer Spiegelreflexkamera herankommen, aber dennoch mal eben 12 (oder gar 41) Megapixel große Bilder einfangen. Und was heute an schnellem Flash-Speicher im Handy verbaut ist, das hatte man vor zehn Jahren noch als langsame Festplatte im PC-Gehäuse verbaut. Irgendwie ist das doch alles ganz schön irre.

Die Weiterentwicklung der Rechentechnik in den letzten zwei Jahrzehnten ist einfach nur beeindruckend. Dennoch stelle ich mir manchmal die Frage, ob man diese Leistung (zumindest als privater Anwender) denn wirklich braucht und wie es die Hersteller immer wieder schaffen, die Leute dazu zu motivieren, sich alle zwei bis drei Jahre ein neues Gerät, sei es ein Mobiltelefon oder Laptop, anzuschaffen. Wahrscheinlich ist das alles nur eine Frage des Marketings, denn ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass dem Durchschnittsanwender der Leistungsumfang schon nach so kurzer Zeit nicht mehr ausreicht.

So schön und faszinierend diese rasante Weiterentwicklung auch sein mag, sie hat auch ihre Schattenseiten. Die gehen bei Umweltzerstörung los und reichen bis hin zu Ausbeutung und Kinderarbeit. Und auch andere Aspekte bleiben oft auf der Strecke. So wird die moderne Rechentechnik inzwischen für flächendeckende Überwachung eingesetzt, für den Datenschutz interessiert sich kaum noch jemand und die Software wird gefühlt immer schlechter, langsamer und verbuggter, weil die Entwickler aufgrund der schnellen Hardware nicht mehr gezwungen sind, auf den Ressourcenverbrauch zu achten.
Manchmal würde ich mir einfach mehr Verantwortungsbewusstsein von den Herstellern wünschen. Dennoch bin ich sehr gespannt, wie die Entwicklung weiter geht und wo wir in zehn oder zwanzig Jahren technisch angelangt sein werden …
Geschrieben auf einem sechs Jahre alten Notebook.

Geschnatter

5 Kommentare, selbst mitschnattern << < Seite 1/1 > >>
Pergex, am 19.02.2016 um 09:09 Uhr
wie Recht Du doch hast. Aber irgendwie zählt mittlerweile fast jeder Hersteller sein Produkt durch und bringt jedes Jahr eine neue Version raus.
Bis dahin sind meist nicht mal die Fehler der Vorgängerversion ausgemerzt und die weiterentwicklung wird dann eingestellt. Die Preisspirale schraubt sich auch von Jahr zu Jahr hoch. 1000€ für ein Handy ausgeben, dass kommt für mich nicht in Frage. Ich mache es wie Du. Die Geräte die für die meisten uintersannt sind weil es neue Versionen gibt kaufe ich gebraucht.
Ich weiss echt nicht wo das noch hinführen soll.

Gruß
Pergex
Understater, am 19.02.2016 um 09:10 Uhr
Du sprichst mir aus der Sele!
Erst vorgestern brachte mir ein Kollege "Elektroschrott". Das ist zu 30% Material, was besser ist als das was ich z.Z. verwende. Wird also weiter verwendet. Der Wechsel von Vista auf Lubuntu 15.10 macht die Kisten richtig flott. Der Kollege weiss das, aber seine Verwandschaft interessiert das nicht.
Dabei bin ich nicht ohne Anspruch. Mein Arbeitgeber laesst alle 2-3 Jahre die Arbeitsplaetze mit nagelneuer HP-Ware der Busines Klasse ausruesten.
Mirco, am 19.02.2016 um 11:33 Uhr
Und nochmals einer: Du sprichst mir aus der Seele.
Ich weiß wirklich nicht, für was man ein QuadCore-Handy braucht, wenn selbst der Desktop-Rechner mit einem DualCore schnell genug ist.
Meine Computer (durchwegs Macs) sind inzwischen durchschnittlich 10 Jahre alt (!) und für alle Anwendungsgebiete (unter anderem als Server oder DTP-Rechner) ausreichend. Wahrscheinlich aber nur so lange noch, wie ich das 7 Jahre alte Betriebssystem nicht auf den neusten Stand bringe. Ab da wird's dann wohl von Bugs wimmeln und die Leistungskraft deutlich nach unten gehen, so dass man gerne zu neuer Hardware greift (von dem einen oder anderen Kollegen schon mitbekommen).

Die Entwicklung ist an sich traurig: Schnellere Produktzyklen, schlechtere Qualität (zumindest was die Software betrifft, oft aber auch bei der Hardware) und trotzdem sind die Verbraucher zufriedener denn je und kaufen und kaufen...was die Hersteller nur weiter anstachelt.
Meiner Meinung nach liegt das unter anderem am mangelnden technischen Verständnis der meisten Käufer: Das 2GHz Dualcore-Handy mit 21 Mpx-Kamera wird sofort gegen das 2,1GHz Quadcore Gerät mit 24Mpx-Kamera ausgetauscht, denn das hört sich nach mehr an und kann nur besser sein, muss man also haben. Dass das 2Ghz Dualcore-Gerät sogar schon für den tatsächlichen Bedarf etwas overloaded war, das stellt irgendwie keiner fest.
Maren, am 29.02.2016 um 17:55 Uhr
Ja, jeder will immer das Neuste haben...höher, besser, schneller, die alte Devise. Ich bin mit älteren Versionen auch immer noch zufrieden. Und manchmal funktionieren sie einfach auch besser! Jetzt in meinem winterurlaub in südtirol habe ich sogar mein ganz altes Handy mitgenommen, damit es, wenn es mal einen kratzer abbekommt nicht sofort den Geist aufgibt :D....LG
imo, am 04.04.2016 um 12:34 Uhr
Kann das ebenfalls verstehen. Ich frag mich auch für was man sich heut zu Tage noch, z.B. ein neues Smartphone holen muss. Mein S3 hat 4 Jahre auf dem Buckel und kann, dank CM, meist sogar noch mehr als die neuen. Auch mein altes Notebook hab ich Mitte letzten Jahres mal getauscht (nach 6 Jahre mit nemm alten Singlecore Atom kochen dann doch mal ein paar Aggression hoch) und nicht gegen ein neues, sondern gegen ein gebrauchtes X220 (die neuen liegen ja jenseits von gut und böse im Preis). Nur mein Rechner hat was aktuellere Hardware, um doch noch ab und an mal zocken zu können.
Mir können die meisten auch nie erklären wieso sie das neuste gerade brauchen, außer es ist neu, es ist cool. Überwiegend also nur Konsumgeilheit.