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Bodyguard: die Anti-Kartell-Matratze

erschienen in der Kategorie Alltag, am 18.07.2018
Schnatterente
Wisst ihr, das Irre an diesem Leben in der Konsumgesellschaft unserer ersten, globalisierten Welt ist doch, dass scheinbar jede Entscheidung für oder gegen ein Produkt eine kaum zu erfassende Tragweite hat, wenn man sie nur mal bis zu Ende denkt. Bei nahezu jedem Artikel kann man sich fragen, wer in der Produktions- und Vermarktungskette wie fair behandelt und wer wohl ausgebeutet oder ordentlich über den Tisch gezogen wurde.

Der Versuch als verantwortungsbewusster Konsument möglichst viel richtig zu machen, ist mühselig, dafür lernt man auf der anderen Seite auch viel darüber, wie die Welt, in der wir leben, so funktioniert – auch wenn das oftmals nicht gerade die schönen Wahrheiten des Lebens sind, auf die man da so trifft.

Ich für meinen Teil war kürzlich auf der Suche nach einer neuen Matratze. Seit einer Woche schlafe ich nun auf dem Modell "Bodyguard" vom Onlinehändler "bett1.de". Wie es dazu kam, ist tatsächlich so interessant, dass ich dem Thema heute einen eigenen Beitrag widme. Und so handelt dieser Text von Matratzen, von der Marktwirtschaft in Deutschland, vom "Wettbewerb" namhafter Hersteller und davon, wie ein vergleichsweise kleiner Händler das Bundeskartellamt auf den Plan gerufen hat, um illegale Preisabsprachen zu unterbinden.

Stiftung Warentest: "Lassen Sie sich beim Matratzenkauf nicht über den Tisch ziehen"

Aber beginnen wir am Anfang. Ich habe die letzten acht oder neun Jahre auf einer billigen No-Name-Kaltschaummatratze geschlafen. Da dieses durchgelegene Ding nun langsam wirklich seinen Dienst erfüllt hat, habe ich mich auf die Suche nach einer neuen Matratze gemacht. Natürlich landet man beim Sichten entsprechender Testberichte schnell bei der Stiftung Warentest, die recht regelmäßig Matratzen untersucht. Dabei fällt auf: Seit drei Jahren thront immer die gleiche Matratze auf dem ersten Platz der Bestenliste, und da sie vergleichsweise preiswerte 199 Euro kostet, ist sie auch die anhaltende Preis-Leistungsempfehlung der Warentester: die "Bodyguard Anti-Kartell-Matratze" von bett1.de.
Die Matratze wurde im Heft 07/2015 vorgestellt und mit einer Bewertung von 1,8 als "die beste je getestete Matratze" vorgestellt. In Heft 10/2015 folgte dann ein ausführlicher Matratzentest mit anderen zum Zeitpunkt aktuellen Matratzen, bei dem Schlafunterlagen für Preise zwischen 600 und 2.150 Euro geprüft wurden. Die in diesem Test beste Matratze erreichte eine Bewertung von 2,5 und kostete damals mit 860 Euro mehr als das Vierfache der Bodyguard-Matratze.

Wer auf der Suche nach einer Matratze ist, dem kann ich den Testbericht wärmstens empfehlen. Stiftung Warentest warnte damals explizit davor, sich beim Matratzenkauf "über den Tisch ziehen" zu lassen, und statt teurer Markenmatratzen lieber zur preiswerten Bodyguard-Matratze zu greifen. Danach holten die Warentester im anschließenden Artikel gleich noch zum Rundumschlag gegen Lattenroste aus, die einem im Matratzenfachhandel ja auch gern teuer mit dem Argument verkauft werden, dass zu einer hochwertigen Matratze natürlich auch ein hochwertiger Lattenrost gehört, weil die Matratze allein sonst gar nichts für die Gesundheit und den Rücken bringe. Alle Lattenroste (Preise von 12 bis 1.060 Euro) erreichten nur eine ausreichende Bewertung (3,7 bis 4,4). Die besten Liegeeigenschaften erreichte ein von Stiftung Warentest selbst gebauter starrer Lattenrost, dessen Materialien im Baumarkt rund 35 Euro kosteten.

Nach dem Lesen dieser Berichte war ich um die Erkenntnis reicher, dass der Matratzenmarkt wohl alles andere als eine verbraucherfreundliche Branche ist, sondern eher eine mit schlechten Beratungsleistungen und maximaler Gewinnorientierung.

Außerdem kamen bei mir zwei Fragen auf. Erstens: Wie kann es sein, dass sich ein eher unbekannter Online-Händler qualitativ und auch noch mit viel günstigeren Preisen so klar gegen jene namhaften Konkurrenten durchsetzt, deren Matratzen man in nahezu jedem Fachgeschäft findet?
Und zweitens: Was hat es denn nun mit diesem ominösen Kartell auf sich, das es bis in den Namen der Bodyguard-Matratze geschafft hat?

Die Zerschlagung des Matratzenkartells und der Streit um einen provokanten Produktnamen

Nachdem mein journalistisches Interesse geweckt war, habe ich angefangen zu recherchieren und bin schnell bei der Erkenntnis angelangt, dass die beiden Fragen zum gleichen Problem führen. Die damals von vielen Matratzenherstellern angesetzten Preise waren wohl eher als Mondpreise anzusehen, bei denen das Verhältnis zwischen Entwicklungs- und Produktionskosten und dem Verkaufspreis vollkommen abhandengekommen war.
Wer in der Schule aufgepasst hat, denkt sich an diesem Punkt wohl, dass der Markt so etwas durch Konkurrenz, Angebot und Nachfrage selbst wegregulieren sollte. Stimmt schon, nur dummerweise war der Markt kaputt, wie das Aktivwerden des Bundeskartellamtes nachhaltig belegt hat.
Das verhängte nämlich ab 2014 Millionenstrafen gegen namhafte Matratzenhersteller, da die eigenen Ermittlungen bestätigt hatten, dass auf dem Rücken der Endkunden illegale Preisabsprachen getroffen wurden.

Wie es dazu kam, hat unweigerlich mit der Firmengeschichte des schon genannten Online-Matratzenhändlers bett1.de zu tun. Ursprünglich handelte dessen Geschäftsführer Adam Szpyt unter verschiedenen anderen Firmennamen mit eingekauften Matratzen und nicht mit eigenen Produkten. Als Unternehmer legte er seine Verkaufspreise natürlich selbst fest, musste dann aber bald schmerzhaft lernen, dass das in dieser Branche nicht gern gesehen war. Der Tagesspiegel zitierte Szpyt 2014 mit den Worten: "Ein Vertreter kam zu mir und sagte: "Wenn ihr die Preise nicht anhebt, machen wir euch fertig".
Szpyt musste laut eigenen Angaben zwei Läden in Berlin schließen, weil er sich nicht den Preisvorgaben der Hersteller unterordnen wollte. Er erhielt schlicht keine Ware mehr oder es wurde gar schmutzige Ware geliefert, die nicht verkehrsfähig war. Letzten Endes reichte er eine Beschwerde wegen illegaler Preisabsprachen beim Bundeskartellamt ein und beschloss, unter dem Namen bett1.de zukünftig eigene Produkte zu vertreiben, um von den großen Herstellern unabhängig zu sein. Dabei profitierte seine Firma von den über die Jahre gesammelten Erfahrungen, die die Kunden mit den zuvor verkauften Matratzen anderer Hersteller gemacht hatten. So hatte man klare Vorstellungen davon, auf welche Kriterien Käufer beim Matratzenkauf wert legen und konnte so gezielt an größere Rohstoffproduzenten wie BASF und Bayer herantreten, um geeignete Materialien für gute Matratzen zu finden. Nach einer Vielzahl von Testläufen entstand so die aus "QX-Schaum" gefertigte "Bodyguard Anti-Kartell-Matratze", die es letzten Endes bis auf den ersten Rang bei Stiftung Warentest schaffte.

Mit der Namensgebung, der man eine gezielte Provokation der Konkurrenz nicht absprechen kann, handelte sich Szpyt aber gleich neuen Ärger ein. Mit den vom Bundeskartellamt verfügten Millionenstrafen galt das Matratzenkartell als zerschlagen. Die Konkurrenz zog mit dem Argument vor Gericht, der Name "Anti-Kartell-Matratze" suggeriere, dass es ein Matratzenkartell gäbe und das sei ja nicht (mehr) der Fall. Bett1.de verlor den Prozess und durfte den Namen eigentlich nicht mehr verwenden. Man ignorierte das Urteil aber und nahm damit in Kauf, zur Zahlung eines Ordnungsgeldes verdonnert zu werden. Am Ende ging aber auch dieser Streit zugunsten von bett1.de aus. Im Ordnungsmittelverfahren argumentierte der Händler, der Name sei lediglich ein Hinweis darauf, dass es mal ein Matratzenkartell in Deutschland gab. Dieser Argumentation folgte wohl auch der zuständige Senat und gab der Gegenseite einen entsprechenden Hinweis, dass es hier wohl besser sei, auf die Durchsetzung der einstweiligen Verfügung zu verzichten. Letzten Endes wurde auch das verhängte Ordnungsgeld vom OLG Hamburg wieder aufgehoben und bett1.de verwendet weiterhin den Namen "Anti-Kartell-Matratze".

Die deutsche Marktwirtschaft – ein System, in dem vieles falsch läuft

Ich finde diese ganze Matratzenkartellgeschichte höchst spannend, da sie stellvertretend dafür steht, wie selbst in einem so durchkontrollierten und -bürokratisierten Land wie Deutschland vieles unbemerkt oder totgeschwiegen abläuft, das nicht sein dürfte. Wenn man betrachtet, wie viele Geschichten man in den letzten Monaten von Leuten und kleinen Unternehmen gehört hat, die ihre Webseiten aus Angst vor DSGVO-Abmahnungen dichtmachen, kann es einem doch ganz anders werden, wenn man sieht, mit welcher Ignoranz von Gesetzten und gesellschaftlichen Konventionen einige große Player, auch auf dem deutschen Markt, agieren. Man will eigentlich gar nicht wissen, in wie vielen Bereichen der deutschen Wirtschaft es tagtäglich genau so läuft. Verdachtsmomente gibt es da sicher viele.

Positiv kann man dem eigentlich nur abgewinnen, dass wir im deutschen Rechtsstaat Kontrollorgane haben, die gegen Kartelle und andere Sauereien vorgehen können, auch wenn das oft nicht, viel zu spät oder in zu kleinem Umfang geschieht. Im Fall des Matratzenkartells hat sich durch die Kartellzerschlagung seit 2014 so einiges getan. In neueren Testberichten von Stiftung Warentest sieht man, dass die Konkurrenz wesentlich stärker geworden ist. Es gibt neue Hersteller auf dem Markt (insbesondere Online-Händler), die bessere und zum Teil günstigere Produkte anbieten als noch vor drei Jahren. Die Anti-Kartell-Matratze vom ersten Platz zu stoßen, hat allerdings noch keiner der Mitbewerber geschafft.

Bodyguard Anti-Kartell-Matratze: Wie schläft sie sich und wie riecht sie?

Jetzt hätte ich das fast vergessen: Zum Schluss noch ein paar kurze Worte zu meinen eigenen Erfahrungen mit der Bodyguard-Matratze, manchmal ist das subjektive Empfinden ja dann doch anders als das, was Stiftung Warentest so sagt.

Ich war anfangs sehr skeptisch, was die Matratze angeht, weil es diverse Berichte im Internet gibt (und auch Stiftung Warentest hatte das erwähnt), die sagen, dass diese nach dem Auspacken unglaublich stark riecht. In einem YouTube-Video hatte gar jemand gesagt, er musste die Matratze für mehrere Wochen bei offenem Fenster ausdünsten lassen, bevor der Geruch so erträglich wurde, dass man auf der Matratze schlafen konnte. Allerdings sagen sowohl der Hersteller als auch Stiftung Warentest, dass es sich hierbei nur um normale Ausdünstungen vom Schäumungsprozess handelt, welche in keiner Weise gesundheitsschädlich sind. Auf Nachfrage bei bett1.de erklärte man mir, die starken Ausdünstungen seien vor allem nach dem Erscheinen des Testberichtes von Stiftung Warentest ein Problem gewesen, da damals die Nachfrage in kürzester Zeit so stark gestiegen sei, dass keine Zeit mehr blieb, um die aus der Produktion kommenden Matratzen erst einmal vor Ort durchlüften zu lassen, bevor sie an die Kunden geliefert wurden. Dieses Problem sei inzwischen gelöst. Na dann, her damit.

Nachdem meine Matratze in gerollter Form kompakt verpackt ankam und ich sie aus der Folie befreit hatte, war ich sehr angenehm überrascht. Ja, man kann sagen, die Matratze hat einen Eigengeruch, aber den riecht man nur in nächster Nähe und quasi nicht mehr, wenn erst einmal ein Bettlaken darüber ist. Der Geruch selbst ist schwer zu beschreiben, ich finde ihn aber nicht wirklich unangenehm, riecht eher wie Spül- oder Waschmittel.

Die zwei Seiten der Matratze haben unterschiedliche Liegehärten. Die ersten zwei Nächte habe ich den Fehler gemacht und es direkt mit der härteren Seite der Matratze versucht. Das war dann doch zu ungewohnt und besonders gut geschlafen habe ich nicht. Ich habe sie dann am dritten Tag umgedreht und schlafe seitdem auf der mittelharten Seite, die auch Stiftung Warentest getestet hatte. So ist der Schlafkomfort wesentlich höher und viel besser als bei meiner alten Matratze. Liegt man auf dem Rücken, sinkt man nicht so stark ein, auf der Seite liegend an den Druckpunkten jedoch umso mehr. Das orthopädische Ziel ist ja immer, dass die Wirbelsäule nicht verbogen wird und ich glaube das ist mit der Bodyguard-Matratze sowohl in Rücken- als auch in Seitenlage gut gegeben. Mag natürlich sein, dass das je nach Körpergröße und -gewicht auch variieren kann, für mich passt es jetzt auf der mittelharten Seite liegend jedenfalls sehr gut.

Hier noch ein paar Bilder vom Auspacken:
Das wär's dann erst einmal zum Thema Matratzenkartell und zu meiner neuen Bodyguard-Matratze. Falls ihr vorhabt, euch demnächst neu zu betten, kann ich nur die Empfehlung aussprechen: Augen auf beim Matratzenkauf, Preis und Qualität korrelieren hier nämlich scheinbar eher selten.

Geschnatter

4 Kommentare, selbst mitschnattern << < Seite 1/1 > >>
Steffen, am 18.07.2018 um 13:26 Uhr
Habe seit einem 1/4 Jahr auch die Matratze BODYGUARD, nachdem ich bei YouTube Zusammenfassungen der Stiftung Warentestberichte gesehen hatte. Über die Kartellsache habe ich aber witzigerweise beim Kauf überhaupt nicht nachgedacht.
Anonym, am 18.07.2018 um 14:09 Uhr
Pff … viele denken immer Deutschland wär weniger korrupt als andere Länder, in der Wirtschaft und lobbygetriebenen Politik sieht's aber anders aus. Google mal nach Schienenkartell oder Zuckerkartell, die ganze Wirtschaft läuft so.
Tobi, am 19.07.2018 um 15:59 Uhr
Habe ebenfalls eine solche Matratze im Einsatz. Wollte eigentlich die harte Seite nutzen, weil sie mir von der Härte tatsächlich angenehmer ist. Leider stören mich da aber die Rillen in der Matratze. Hab mich mit der weichen Seite abgefunden.
Anonym, am 20.07.2018 um 22:46 Uhr
Bin mit meiner Tempurmatratze aus dem Fachhandel zufrieden. Würde so was nie online kaufen, weil ich sie da ja nicht mal probeliegen kann.