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Wo die Politik versagt: Gesundheitsversorgung in Deutschland

erschienen in der Kategorie Alltag, am 25.04.2017
Schnatterente
In Deutschland hat der Wahlkampf zur Bundestagswahl begonnen und wie üblich werben die Parteien mit dem gleichen Einheitsbrei, den sie schon bei den vorherigen Wahlen propagiert haben. Steuererleichterungen, mehr soziale Gerechtigkeit, der angebliche Kampf gegen die Armut, wobei die Schere zwischen Arm und Reich trotzdem immer weiter auseinandergeht …
Nach den Koalitionsverhandlungen bleibt davon dann unterm Strich nichts übrig - und das ist schon aufgerundet.

Was mich an diesem Wahlkampf ärgert, ist nicht das Prozedere an sich, an das hat man sich ja längst gewöhnt. Ich finde es schade, dass keine Partei den Mut hat, sich mal ehrlich und konkret mit bestehenden Problemen und Missständen auseinanderzusetzen.

Wir leben in einem der reichsten und fortschrittlichsten Länder der Welt, dennoch sind wir seit Jahrzehnten nicht in der Lage, Probleme in den Griff zu bekommen, für die sich mit politischen Mitteln innerhalb einer Legislaturperiode durchaus Lösungen finden ließen. Zu einem großen Teil liegt dies wohl daran, dass die Korruption auch vor deutschen Politikern nicht haltmacht und sich deren Interessen nur noch an denen der Lobbyvertreter ausrichten, welche im Bundestag munter ein- und ausgehen. Zum anderen spielt da aber sicher auch die bloße Unfähigkeit vieler Beteiligten eine Rolle, welche aber wiederum kaum überrascht, wenn man bedenkt, dass politische Ämter in Deutschland nicht anhand passender Qualifikationen verteilt werden, sondern nach einem Wünsch-dir-was-Prinzip, das es einem Innenminister ermöglicht, von einem Tag auf den anderen Finanzminister zu werden.

Dazu kommt noch, dass natürlich immer nur die möglichst massentauglichen Themen für den Wahlkampf herangezogen werden. Viele dringliche Probleme bleiben somit auf der Strecke.

Beispiel Gesundheitssystem

Ziehen wir mal das leidige Beispiel der Gesundheitsversorgung in Deutschland heran. Diese ist im internationalen Vergleich sicher ganz gut. Dennoch hakt es auch hier in einigen Bereichen gewaltig und die Politik unternimmt teils schon seit Jahrzehnten nichts gegen die bestehenden Missstände.

Exemplarisch will ich das im Folgenden an drei Beispielen festmachen.

1. Depression, Burn-out und Co.: Versorgung psychischer Erkrankungen

Zu den neuzeitlichen Volkskrankheiten zählen nicht nur Rücken- und Herz-/Kreislaufprobleme. Vor allem auch psychische Erkrankungen greifen immer weiter um sich. Die wachstumsorientierte Leistungsgesellschaft fordert ihren Tribut. So steigen die Zahlen der an Depressionen und Burn-outs erkrankten Menschen immer weiter an. Die der Therapeuten hingegen nicht.

Nehmt euch mal ein paar Minuten Zeit und lest diesen Artikel der Süddeutschen Zeitung. Darin wird von Fällen berichtet, in denen depressive Patienten mehrere Jahre warten mussten, um einen Therapieplatz zu finden.
Schnell an einen Therapieplatz zu kommen, ist nahezu unmöglich. Wenn es doch einmal klappt, hat das mehr mit Glück als mit Planung zu tun, da es einfach viel zu wenige Therapeuten gibt, um dem Patientenansturm gerecht zu werden. Eine Bedarfsplanung findet scheinbar nicht statt und ausgebildete Therapeuten, die gern arbeiten wöllten, dürfen erst dann kassenärztliche Patienten betreuen, wenn ein anderer Therapeut aufhört und sich seine Zulassung für 60.000 bis 80.000 Euro abkaufen lässt. Das sind fast schon mafiöse Strukturen.

Natürlich ist die Anzahl an verfügbaren Fachärzten auch in anderen Bereichen der Medizin gedeckelt und vielerorts warten Patienten sehr lange auf alle möglichen Facharzttermine. Doch bei der Behandlung psychischer Erkrankungen liegt scheinbar ein extremer Ärztemangel vor. Perfiderweise versagt der deutsche "Sozialstaat" hier genau bei jenen Mitbürgern, welche schnelle Hilfe am nötigsten hätten, da sie in ihrer psychischen Verfassung oft gar nicht mehr in der Lage sind, sich noch irgendwie selbst zu helfen.
Menschen, die es aufgrund ihres Krankheitsbildes schon eine riesige Überwindung kostet, zum Telefonhörer zu greifen und mit einem Fremden zu reden, werden gezwungen monatelang Hunderte Therapeuten anzurufen, bis sie irgendwann einmal Glück haben und jemanden finden, der ihnen in absehbarer Zeit helfen kann.
Eine präventive Behandlung von Risikopatienten, bei welchen das Entstehen einer depressiven Erkrankung wahrscheinlich ist, kann so überhaupt nicht stattfinden. Das Kind muss erst in den Brunnen fallen, bevor ihm geholfen wird.

Das Problem hierbei sind nicht die Ärzte. Die sind oft auch nur noch überfordert von den Auswüchsen des deutschen Gesundheitssystems. Es ist die Politik, die seit vielen Jahren eher noch versucht Stellen zu streichen, als bedarfsgerecht neue Therapieangebote zu schaffen. Und das, obwohl der durch lange Krankschreibungen resultierende volkswirtschaftliche Schaden enorm ist und sogar ausgebildete Fachkräfte verfügbar wären, die gern arbeiten würden.

2. Durch die Pharmaindustrie finanzierte Forschung

Ein ganz anderer Problembereich im Feld der medizinischen Versorgung ist die Forschung. Neben den vielen Vorteilen, die unser kapitalistisches System mit sich bringt, tun sich hier auch gewaltige Nachteile auf. So leben wir in einer Welt, in der vielen Pharmaunternehmen keineswegs etwas daran liegt, Menschen zu heilen. Wie bei fast allen anderen Konzernen auch, zählt nur der Gewinn. Dies führt im Endeffekt dazu, dass Patienten oft nicht die Medikamente erhalten, die ihnen am besten helfen würden, sondern jene, die am meisten kosten.

Ein besonders großes Problem hierbei ist, dass die Pharmaindustrie auch die meisten Medikamentenstudien finanziert. Schon diese Tatsache allein ist irgendwie beunruhigend, denn wie unabhängig kann eine Studie zu einem Medikament schon sein, welche von dessen Hersteller getragen wird?

Ein übles Beispiel dazu wurde kürzlich im ARD-Verbrauchermagazin "Plusminus" vorgestellt. Da haben unabhängige Untersuchungen gezeigt, dass Chemotherapien bei einigen Krebspatienten wesentlich besser anschlagen, wenn diesen zusätzlich in kleinen Dosen Methadon verabreicht wird. Um den Zusammenhang zu klären, müsste nun eine größere Studie her. Doch die Pharmaindustrie hat daran kein Interesse, da sich mit Methadon kein Geld verdienen lässt.



Es läge an der Politik, an diesen Zuständen etwas zu ändern und Gelder für eine unabhängige Forschung bereitzustellen. Da die Pharmalobby aber einen großen Einfluss auf die deutsche Bundespolitik hat, ist wohl nicht damit zu rechnen, dass sich an diesen Verhältnissen allzu bald etwas ändert.

3. Suchtprävention

Ein weiteres Beispiel aus dem Bereich der Gesundheit, das zeigt, wie stark der Einfluss von Lobbyisten in der Spitzenpolitik ist, ist das Thema Suchtprävention. In kaum einem anderen Land ist Alkohol so billig zu haben wie in Deutschland. Und in keinem anderen Land der EU darf noch öffentlich für Zigaretten geworben werden.

Ändern wird sich auch daran sobald nichts. Kinder und Jugendliche werden weiterhin mit Zigarettenwerbung konfrontiert und Alkohol wird auch nicht höher besteuert. So bleiben die Hürden in eine Suchterkrankung zu geraten weiterhin gering.

Politikverdrossenheit

Es ist schade, dass die Spitzenpolitik in Deutschland kein ehrliches, problemorientiertes Business ist. Wenn dem so wäre, würde man sich diesen und anderen Problemfeldern widmen und konstruktive Lösungen suchen. Stattdessen wird das Vertrauen der Wähler immer wieder durch leere Versprechungen im Wahlkampf und rein finanzorientierte Entscheidungen kaputtgemacht.
Da ist es kein Wunder, dass viele Menschen aus Protest Parteien wählen, die sich selbst am extremen politischen Rand positionieren - auch wenn das dann am Ende wohl nur noch mehr Unheil anrichtet …

Geschnatter

1 Kommentar, selbst mitschnattern << < Seite 1/1 > >>
Rainer, am 28.04.2017 um 16:04 Uhr
Wie sagte doch einst Dieter Hallervorden:
"Wenn Politiker etwas versprechen haben sie sich meist versprochen!"