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DRM: Die Geschichte vom geknackten E-Book

erschienen in der Kategorie Software, am 11.03.2018
Schnatterente
Ich möchte euch heute mal die (wahre) Geschichte von Horst erzählen, der sich zum ersten Mal in seinem Leben ein E-Book gekauft hat und der sich nun, dank DRM-Kopierschutz, sicher ist, dass er das nie wieder machen wird.
Es ist eine Geschichte über die massiven Einschränkungen, die Verbraucher heutzutage hinnehmen müssen, wenn Konzerne mit teils perfiden und grenzdebilen Maßnahmen versuchen, Lizenzbestimmungen durchzusetzen, deren rechtliche Konformität zum Teil höchst zweifelhaft ist. Auf der Strecke bleiben dabei die zahlenden Kunden, die sich überlegen sollten, ob sie diesen Quatsch wirklich noch mitmachen wollen oder ob es nicht schlauer ist, so ein System zu boykottieren …

Aber beginnen wir ganz am Anfang.

Horst ist Informatiker, so ein richtiger Technikfreak. Und wie es sich für diese Kategorie von Menschen gehört, nimmt Horst nur noch selten Papier in die Hand. Stattdessen hat er immer sein Tablet dabei, auf dem er all seine Dokumente platzsparend und einfach verwalten und umhertragen kann. Wie für Informatiker üblich, hat Horst keine Freizeit. Er wird immer irgendwo gebraucht und mit Arbeit überhäuft. Deswegen liest Horst auf dem Tablet auch keine Romane, sondern vorwiegend betriebliche Unterlagen, ISO-Normen und Fachliteratur. Für Horst ist es da enorm wichtig, stets den Überblick zu behalten. Darum markiert er mit seiner PDF-App in allen Dokumenten, die er so liest, alle wichtigen Stellen und fügt hier und da Notizen in die Dokumente ein. Braucht Horst später eine Information, so findet er diese dann in der Regel ganz schnell. Alles ist getaggt, mit Lesezeichen versehen und die wichtigen Passagen springen ihm dank der Markierungen sofort ins Auge.
Clever ist der Horst! Dokumentenmanagement hat er echt drauf!

Dann, eines Tages, kommt Horsts Chef vorbei und erklärt ihm, dass er zukünftig an einem Software-Projekt arbeiten soll, dass irgend so eine neue fancy Hipster-Technologie nutzt. Horst ist natürlich gleich total begeistert, hoch motiviert und voller Tatendrang – welcher Informatiker freut sich denn nicht, wenn er ein produktives System auf Basis einer Bleeding-Edge-Technik aufbauen soll …

Um sich mit der Materie vertraut zu machen, sucht Horst also nach Fachliteratur. Wie das bei neuen Technologien so ist, sieht es da leider eher schlecht aus. Es gibt genau ein Buch und das kostet stolze 89 Euro. Kann man nichts machen, denkt sich Horst und kauft den digitalen Schinken kurzerhand im E-Book-Onlineshop. Und damit nimmt das Drama seinen Lauf.

Adobe Digital Editions: Die DRM-Grusel-Software des Grauens

Als Horst das digitale Buch mit seinem PayPal-Account bezahlt, geht er davon aus, dass er anschließend irgendein gängiges E-Book-Format (epub, mobi, pdf, etc.) herunterladen und dieses dann notfalls mit seiner Open-Source-Buchverwaltungssoftware Calibre auf seinem Linux-Betriebssystem in ein für ihn geeignetes Format umwandeln kann. Da hat Horst die Rechnung nur leider nicht mit dem E-Book-DRM-Kopierschutz gemacht.

Nach kurzer Verwirrung bezüglich der Downloadanweisungen, die Horst nach der Bezahlung des E-Books zu sehen bekommt, wird ihm klar, dass er zum Download des E-Books eine Software namens "Adobe Digital Editions" benötigt. Natürlich gibt es die nur für Windows, was Horst ein klein wenig verärgert.

"Was soll's", denkt er sich, recherchiert kurz, ob das Programm denn gut mit Wine läuft, und entscheidet sich dann, aufgrund unterschiedlichster Aussagen, doch eine VirtualBox mit einem Windows aufzusetzen, um das E-Book herunterzuladen. Man hat ja sonst nichts zu tun.

Als das Windows dann läuft, installiert Horst die aktuelle Version der Adobe Software, voller Vorfreude sein E-Book endlich herunterladen und es auf sein Tablet übertragen zu können. Wie sich gleich herausstellen wird, ist das, nach dem Kauf des E-Books, der zweite große Fehler an diesem Tag. Denn nach dem Download des Buches in der Digital Editions Software stellt sich schnell heraus, dass sich das E-Book gar nicht aus dieser Software exportieren lässt. Man kann das verfluchte Buch tatsächlich nur in der Adobe Software öffnen. Und die Software selbst wurde offenbar nur zu einem einzigen Zweck entworfen, nämlich den Nutzer zu quälen. Denn anders als in Adobes normalem PDF-Programm, dem "Reader", kann Horst mit der Digital Editions Software quasi überhaupt nichts machen – keine Markierungen vornehmen, keine Notizen einfügen, nada, niente, nothing!
Horst fällt für einen Moment die Kinnlade runter. Da baut so ein riesiger Konzern, der schon eine total überladene PDF-Anwendung mit zig Tausend Funktionen hat, ernsthaft noch eine zweite Anwendung, die gar nichts kann, aber allen Nutzern aufs Auge gedrückt wird, die sich ein E-Book mit Kopierschutz kaufen? Un-fass-bar!

Horst, der kurz zuvor 89 Euro für ein Buch bezahlt hat, wird langsam klar, dass ihm besagtes Buch in diesem Zustand überhaupt nichts nützt. Gar nichts. Also beschließt er der Digital Editions Software den Kampf anzusagen und fängt an zu recherchieren, wie er dieses Problem denn lösen könnte. Horsts Ziel ist es, das E-Book irgendwie aus dem Programm zu befreien, sodass er es, wie auch alle seine anderen Dokumente, bequem auf seinem Tablet lesen und bearbeiten kann.

DeDRM: DRM-Kopierschutz entfernen

Nach kurzer Suche im Netz findet Horst eine Lösung, die er sich selbst wenige Minuten zuvor verbaut hat: "DeDRM".

DeDRM ist eine kostenlose Open-Source-Software, die in der Lage ist den DRM-Kopierschutz von E-Books zu entfernen. Allerdings funktioniert dies nur unter bestimmten Umständen und nicht mit den neuesten DRM-Verfahren.

Horst hat sich die aktuelle Version von Adobes Digital Editions Software installiert. Bezogen auf die Möglichkeiten von DeDRM, war dies ein Fehler. Denn um an sein E-Book zu gelangen, hat Horst den Downloadlink, den er zuvor vom Online-Buchhändler erhalten hat, mit der Software geöffnet. Diese erstellte daraufhin eine einmalige, DRM-geschützte Kopie des Buches für ihn. Hätte Horst nicht die aktuelle Version von Digital Editions verwendet, sondern beispielsweise die immer noch auf der Adobe-Webseite downloadbare Version 2.01, dann hätte er ein E-Book mit einer alten Kopierschutzvariante erhalten. Mit dieser hätte DeDRM umgehen können. Die neue Adobe Software generierte hingegen ein für DeDRM nicht knackbares Format. Ein späterer Wechsel zur alten Digital Editions Software bringt leider gar nichts – ist die E-Book-Kopie einmal erzeugt, bekommt man keine andere mehr.

Tschüss, DRM: das E-Book per Hand befreien

Langsam wird Horst sauer. Er hat nicht nur für 89 Euro ein Buch gekauft, mit dem er nichts anfangen kann, er hat inzwischen auch zwei Stunden Arbeitszeit verschwendet, um dem Problem Herr zu werden. Mit einem sauren Horst sollte man sich nicht anlegen, aber das weiß der DRM-Kopierschutz wohl nicht.

Horst beschließt sich der Sache selbst anzunehmen: "Wenn das Internet schon keine befriedigende Lösung für das Problem bereitstellt, mach ich das eben selbst!" Seine erste Idee ist es, das E-Book einfach mal virtuell in ein PDF zu drucken. Leider stellt sich dabei schnell heraus, dass die Adobe-Entwickler dann leider doch nicht so doof waren, wie erhofft. Der Druckdialog lässt verlauten, dass virtuelles Drucken nicht erlaubt ist. "Nicht mit mir", denkt sich Horst und installiert die unbekannteste PDF-Drucksoftware, die er im Internet finden kann. Und siehe da: Level 1 ist gemeistert, denn diesen Druckertyp kennt Digital Editions nicht und weiß somit auch nicht, ob es sich um einen echten oder um einen virtuellen Drucker handelt.
Nach einigen Seiten Probedruck stellt sich aber schnell heraus, dass das Spiel mehrere Level hat. Denn die Adobe Software sagt plötzlich, er dürfe jetzt nur noch eine Seite drucken. Einige Minuten später darf er dann wieder eine Seite drucken, ein bisschen später sogar zwei Seiten. Juhu.

Bei einem Buch mit mehr als 700 Seiten ist dieser Fortschritt wenig befriedigend. Aber immerhin, Horst hat den Sinn von Level 2 sehr schnell verstanden: Lass Zeit vergehen, dann darfst du wieder etwas drucken. Kurzerhand fährt er also die virtuelle Maschine herunter, entfernt ihr Netzwerkinterface, um die Windows-Zeitsynchronisation zu unterbinden und stellt die Systemzeit ein Jahr vor. Nachdem das virtuelle Windows wieder hochgefahren ist, darf er ganze 411 Seiten drucken. Das dauert eine gefühlte Ewigkeit, aber immerhin, es funktioniert. Also den Rechner wieder herunterfahren, ab ins Jahr 2020 und dann die letzten 300 Seiten drucken. Auch das funktioniert super. Level 2 ist damit gemeistert.

Als Horst seine zwei Buchteile dann unter Linux mit PDFsam zusammenführen will, fällt ihm auf, warum das Ausdrucken vorher wohl so lang gedauert hat. Um ihm das Leben noch schwerer zu machen, hat Digital Editions sämtliche Textinhalte vor der Ausgabe in Grafiken umgewandelt. Somit sind die virtuell gedruckten E-Book-Hälften nun einige Hundert Megabyte groß. Aber nicht nur die Dateigröße ist damit sehr unpraktikabel, auch Horsts gewohnter Workflow ist nun schon wieder gefährdet, denn die Textmarkierungsfunktion der PDF-Software auf seinem Tablet kann eben nur Texte markieren und keine Bilder.

Damit ist Horst in Level 3 angekommen. Es ist das letzte Level des Spiels und es ist unerwartet einfach, dafür aber kaum an Komik zu übertreffen! Horst kopiert das riesige E-Book auf einen USB-Stick und geht mit diesem zu seinem Kollegen in der Marketingabteilung. Für diesen hatte er einige Wochen vorher, auf Anweisung des Chefs, ein Adobe Creative Suite Abonnement abgeschlossen. Dies gibt Horst nun die einmalige Gelegenheit den Endgegner mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Er öffnet das zuvor mühevoll exportierte, aber immerhin DRM-freie E-Book in Adobes Acrobat Software und diese fragt ihn nach dem Öffnen sofort, ob er den gescannten Text denn gern mit der OCR-Funktion erkennen lassen möchte. Fünfzehn Minuten sieht Horst dem Programm höhnisch grinsend dabei zu, wie es den Text Seite für Seite erkennt und wie sich der Fortschrittsbalken füllt. Danach speichert er das Gesamtwerk in ein zwei Megabyte kleines PDF, welches er problemlos auf sein Tablet kopieren kann. Dort kann er es nun wie gewohnt in der PDF-App öffnen, mit dieser Texte markieren und Notizen einfügen. Mehr noch, er kann sogar Texte innerhalb von Grafiken und Diagrammen markieren, weil Adobes Acrobat diese auch so wunderbar erkannt hat. Absolut spitze. Danke, Adobe!

Am Ende war es ein nervenaufreibender Nachmittag für Horst, aber er hat erreicht, was er erreichen wollte, sein E-Book ist auf dem Tablet.

Und sonst so?

Horst hat für sich entschieden, dass er nie wieder ein DRM-geschütztes E-Book kaufen wird, da er es unfassbar findet, wie sehr man von den Vertreibern als Käufer in seinen Rechten beschnitten wird.

Das Projekt, für das Horst das Buch gekauft hatte, wurde zwei Wochen später eingestellt, weil die vorgeschlagene Technologie für den Anwendungsfall absolut ungeeignet war.

Die Umsetzung des Kopierschutzes belustigt Horst noch heute. Zitat Horst: "Die Anzahl der druckbaren Seiten von der Zeit abhängig machen? Wer denkt sich so einen Quatsch aus?"


Danke an Horst, der übrigens gar nicht Horst heißt,
aber nicht namentlich genannt werden wollte.

Geschnatter

11 Kommentare, selbst mitschnattern << < Seite 1/2 > >>
Ralph, am 11.03.2018 um 11:49 Uhr
Ich versteh gar nicht das Problem. Waren doch nur minimale Anpassungen nötig, um das E-Book normal nutzen zu können!? :D
Anonym, am 11.03.2018 um 12:03 Uhr
Danke für diese unterhaltsame Geschichte. Sie hat dem Zyniker in mir super gefallen, denn hier gibt es am Ende nur Verlierer:

- den verärgerten Verbraucher, der sich (zurecht) ungerecht behandelt fühlt
- die Verlage, Autoren und E-Book-Händler die an Horst keine Bücher mehr verkaufen werden
- die Entwickler des Kopierschutzes, der sich offenbar einfach umgehen lässt
chis_blues, am 11.03.2018 um 13:07 Uhr
Das demonstriert wieder mal in welch einem Zustand sich die traditionellen Medien befinden. Pure Verzweiflung, Festhalten an überholten Marktmechanismen und Manager, die Programme entwerfen... Tztztz. Daß es die immer noch gibt...
Matthias, am 11.03.2018 um 16:13 Uhr
Super Story. :-) Mich ärgert dieser Mist auch maßlos. Horst hätte natürlich das digitiale Buch direkt zurückgeben können. Dafür haben wir in D doch Widerrufsrecht (und in anderen Ländern i.d.R. Kulanz) und danach noch mal neu kaufen und mit dem alten Digital Editions öffnen.
Anonym, am 11.03.2018 um 20:31 Uhr
Man kann sagen was man will, aber dieser Horst hat's echt drauf. Den Adobe Acrobat zum Rückwandeln nutzen: chapeau!
Marcus, am 12.03.2018 um 09:08 Uhr
Unterhaltsam, schade einfach dass die Verlage nicht rallen, daß die Sachen eh weiterkopiert werden können. Wer's wirklich kopieren will schafft's auch.
P.J., am 12.03.2018 um 15:18 Uhr
Könnte man nicht auch eine Anwendung schreiben die von jeder Seite einen Screenshot macht?